Üppiger Garten
Auf der portugiesischen Atlantikinsel Madeira / Wo die Vielfalt tausendfach blüht
Von Kurt Sohnemann/Life-Magazin
Im tiefblauen Atlantik erhebt sich Madeira ganzjährig grün auf Vulkangestein. Fotos: Sohnemann
Funchal - Ob Kaiserin aus Österreich oder Floristenlehrling aus Berlin: Von der einzigartigen Pflanzenwelt Madeiras lassen sich wohl alle Besucher dieser rund 740 Quadratkilometer großen vulkanischen Hinterlassenschaft im Atlantik infizieren. Strelizien, Agapanthus, Eukalyptus: Die exotische Pracht ist Blickfang einer tausendfachen Vielfalt auf der portugiesischen Insel, deren Hauptstadt sogar nach dem wilden Fenchel benannt ist.
Blick auf Funchal an der Südküste. Madeira zeigt das ganze Jahr über Blumenpracht.
Fester Anlaufpunkt
Funchal mit seinen über 110 000 Einwohnern schmiegt sich an die Südküste. Während sich im 15. und 16. Jahrhundert die Seefahrer Madeira als festen Anlaufpunkt bei der Überquerung des großen Teichs in die Logbücher geschrieben haben, um dort Wasser aufzutanken, ist die Insel heute ein Traumziel für Naturliebhaber. Ob mit Wanderstöcken, dem Rad oder Auto: Die Insel belohnt den etwa vierstündigen Flug von Deutschland aus mit einer Vegetation, die in Europa einzigartig in ihrer Üppigkeit ist und deren Wachstum insbesondere die Luftfeuchtigkeit und die ganzjährige Wärme garantieren.
Im botanischen Garten Monte Palace. Fußballer Cristiano Ronaldo ist der berühmteste Sohn der Insel.
Vorliebe fürs Britische
Aus der Vergangenheit rührt die Vorliebe der Bewohner für britische Lebensgewohnheiten. Ob Leidenschaft für Fahrzeuge aus Großbritannien oder Teezeremonie: Die langjährige Vorherrschaft der Briten auf der Insel aus militärstrategischen Gründen hat merkliche Spuren hinterlassen. Wer sich einmal einer typischen englischen Teestunde hingeben will, lässt sich dafür am besten im Belmond Reid’s Palace Hotel nieder. Die traditionsbewusste Nobelherberge ist nicht nur das erste Haus am Platz, das Personal kennt sich auch mit den vornehmen englischen Höflichkeiten aus, die nicht nur an der Teekanne ihren Eindruck hinterlassen.
Poncha gilt als beliebtestes Getränk auf Madeira. Lorbeerwälder säumen den Nationalpark.
Malerisch auf Steilküsten
Fast alle Terrassen und Balkone der Restaurationsbetriebe und Hotels sind so ausgerichtet, dass die Gäste einen malerischen Blick auf Steilküsten und tiefblauen Atlantik haben. Das ist im Süden nicht anders als im wesentlich raueren Norden. Wer sich den malerischen Wanderwegen hingeben will, um aus der Entdeckungsreise durch Lorbeerwälder, farbenfrohe Blumenmeere und unterschiedliche Landschaftsformationen seine Erlebnisse zu ziehen, muss sich nicht vor giftigen oder sonst irgendwie gefährlichen Tieren fürchten, denn es gibt sie nicht. Leider sind auch Vögel eher rar vertreten.
Wieder zurück an einer der Steilküsten der Insel. Delfinen begegnet man auf Ausflügen mit dem Boot.
Ein Prost mit Poncha
Gefährlicher sind da schon die durchaus überzeugenden Qualitäten des inseltypischen Ponchas aus Zuckerrohrschnaps, Zitronensaft, Orangensaft und Honig. Während überall staatlich kontrollierte Produkte auf Zuckerrohrbasis zu kaufen sind, gibt es nur wenige Bars, die auch Selbstgebranntes aus Flaschen anbieten, auf denen vorsichtshalber aber nicht näher über den Inhalt informiert wird. Nicht, dass diese Produkte in ihrer Zusammensetzung gefährlich wären, es sind eher die Mengen des Getränks, das gut schmeckt. Nicht selten geraten Gäste bereits in wenigen Stunden auf den üblicherweise auf dem Boden liegenden Erdnussschalen ins Ungleichgewicht ihrer eigenen Schwerkraft.
Heimische Adventureland-Fahrer führen zu entlegensten Orten. Teatime im Belmond Reid’s Palace in Funchal.
Den Walen folgen
Kontrolle über das Gleichgewicht ist auch von Vorteil, wenn sich Besucher für einen Bootsausflug unweit der Küste entscheiden. Cristiano Fernandes ist einer der Freizeitkapitäne, die mit ihren Schiffen und Booten die Stellen aufsuchen, an denen man etwa auf Wale, Flaschennasen-Delfine und Meeresschildkröten stößt. „Eines Tages möchte ich den Walen folgen, um ihre Geschichten und Gewohnheiten zu dokumentieren“, erläutert Cristiano seine Zukunftspläne und fügt hinzu: „Ich hoffe, die Menschheit nimmt ihnen nicht noch mehr ihrer angestammten Heimatgewässer!“
Bei einem Bummel durch die Hauptstadt. Schwanensee im botanischen Garten.
Mit Cristiano auf dem Meer
Immer wenn der Bootsführer Plastik im Meer schwimmen sieht, dreht er bei, um es herauszuholen, damit es den Fischen und Säugern nicht gefährlich werden kann. Tatsächlich lassen sich die Delfine gern in Bootsnähe blicken, spielen mit der Aufmerksamkeit der Beobachter. Cristiano benennt sie mit Namen, kennt beispielsweise jeden der Flaschennasen-Delfine und weiß ihr Verhalten zu deuten. Nur Finnwale ließen sich bei der Ausfahrt nicht blicken. „Es gibt eben keine Garantie, sie zu sehen, ist aber höchst wahrscheinlich, überhaupt Tieren des Meeres zu begegnen“.
Die Vielfalt der Pflanzenwelt ist beeindruckend. Madeira liegt im Atlantik auf der Höhe von Marokko.
Nach Porto Moniz
Wer sich mobil über die Insel bewegen will, sollte sich orts- und fachkundigen Fahrern wie Pedro und Eddie vom Adventureland anvertrauen. Sie erklären in englischer Sprache Eigenarten und Beschaffenheiten der Insel, kennen die schönsten Buchten, wissen fast alles über Gewächse – und sind in der Lage, die Befahrbarkeit der Wege und die Öffnungszeiten des Naturschutzgebietes zuordnen. Mit Allradfahrzeugen überqueren sie die Insel zur West- und Nordküste zu markanten Naturformationen und sehenswerten Gebäuden. Ebenso selbstverständlich wie der Besuch der drei botanischen Gärten der Hauptstadt auf dem Monte Palace und die Korbschlittenfahrt durch die engen Gassen sollte eine Visite der malerischen Ortschaft Porto Moniz im Norden sein. Dort hat sich die Gesteinsformation mit etwas menschlicher Hilfe zu einem malerischen Badebecken formen lassen als Alternative zu den Stränden, die aus schwarzem Sand bestehen.
Markthalle nicht vergessen
Aber auch die Freunde der Kulinarik kommen auf Madeira auf ihre Kosten. Der Atlantik bereichert die Speisekarten mit leckeren Fischen und Meeresfrüchten. Vor allem der schwarze Degenfisch zählt zu den beliebtesten Delikatessen. Dazu sollten Sie einen der berühmten Madeira-Weine probieren. In Funchal lassen sich leicht Food-&-Wine-Touren unternehmen. Die Auswahl ist groß, wobei die Markthalle nicht vergessen werden sollte, die im Zentrum der blühenden Stadt mit ihrem lebendigen Treiben Akzente setzt.
Info Madeira I
Die etwa 1000 Kilometer südwestlich vom portugiesischen Festland auf der Höhe von Marokko gelegene Insel im Atlantik, 57 Kilometer lang, 22 Kilometer breit, gehört politisch zu Portugal, wird aber weitgehend autonom aus der Hauptstadt Funchal regiert. Zu der Inselgruppe gehören sonst noch das kleinere Porto Santo und der kleinere unbewohnte Archipel Ilhas Desertas. Die Anreise von Deutschland aus dauert mit dem Flieger knapp über vier Stunden, findet in der Saison von verschiedenen deutschen Flughäfen aus statt. Lufthansa und die portugiesische TAP bieten Linienflüge an. Zur Einreise reicht der Personalausweis. Die Zeitumstellung zu uns beträgt minus eine Stunde. Landessprache ist Portugiesisch, mit Englisch kommt man aber fast überall recht gut weiter. Landeswährung ist wie in Portugal der Euro. Klimatisch geht es auf Madeira eher feuchtwarm zu. Die besten Reisezeiten sind von April bis Oktober.
Info Madeira II
Die etwa 255 000 Bewohner leben überwiegend vom Tourismus und der Landwirtschaft, deren Hauptprodukt das Zuckerrohr ist, wobei aufgrund der klimatischen Verhältnisse auch viele andere Südfrüchte gedeihen. Wir waren in Funchal im Modern Design Hotel The Vine (fünf Sterne, 64 Zimmer/Suiten, modern eingerichtet, sehr zentral gelegen, wwwhotelthevine.com) untergebracht. An Restaurants können wir das im Design Centre Nini Andrade Silva (www.ninidesigncentre.com) im Hafen von Funchal und die Casa da Quinta (www.quintacasabranca.com) in Funchal empfehlen. Die Küche auf Madeira ist eher maritim. Eine kulinarische Spezialität ist der schwarze Degenfisch. Berühmt ist die Insel bei Gourmets und nicht zuletzt bei Liebhabern des süßen Weins, der genauso heißt wie die Insel und einen namhaften Anteil am Export hat. Information: Tourismuszentrale Madeira, Avenue Avenida 16, 9004-519 Funchal/Portugal, Telefon 00351-291211900, www.visitmadeira.pt. Portugiesisches Fremdenverkehrsamt, Rua Ivone Silva, Lote 6, 1050-124 Lissabon/Portugal, Telefon 00351-211140200, www.visitportugal.com/de.
Service Auto
Wer mit dem Wagen auf Madeira unterwegs ist: In Orten ist 50, außerhalb 90, auf Schnellstraßen Tempo 100 erlaubt. Die Promillegrenze beträgt 0,5. Madeira verfügt über zwei größere Häfen, wobei Funchal vornehmlich von Kreuzfahrtschiffen angelaufen wird. Auch der Flughafen befindet sich in Funchal, kann aber nicht bei jeder Wetterlage angeflogen werden. So werden Starts- und Landungen hin und wieder von der Nachbarinsel Porto Santo abgewickelt, wobei der Transfer per Fähre vorgenommen wird.
KoCom/Fotos: Kurt Sohnemann
26. Juni 2019