Dienstag, 18. Juni 2024

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Gute Reise!

"Eine Dame lebt in Venedig, / die ist mit achtzig noch ledig. / Sie beklagt sich nicht, / sie lächelt und spricht: / „Vielleicht war das Schicksal mir gnädig.“

Die Limericks, die Sie an dieser Stelle immer lesen, stammen alle von Ole Haldrup. Sein „Buch der Limericks“ (2003), dazu „Lirum, Larum, Limerick“ (2004) und „Das Geheimnis der fünften Zeile" (2007) sind zu beziehen über: Nereus-Verlag, Susanne Happle, Johann-von-Werth-Straße 6, 79100 Freiburg, Telefon 0761-403802, nereus-verlag @gmx.de. (gk)

Hinterm Deich

Deutschland ist schön: An Ostfrieslands Nordseeküste / Bei den Krabbenfischern und Wölkchenmachern

Von Günther Koch/Life-Magazin

Noch haben Krabbenkutter in Greetsiel einen sicheren Hafen. Fotos: Koch

Greetsiel – Richtung Westen/Nordwesten. Von Bremervörde im Oste-Land zwischen Weser und Ems, wo wir gerade herkommen, sind es an Emden vorbei mit dem Auto noch 180 Kilometer. Nach Greetsiel. Landkreis Aurich. Niedersachsen.

Auf dem Weg nach Greetsiel. Der alte Mühlenexpress ist bereits ausrangiert.

„Noch richtige Zimmerschlüssel“

Unterwegs scheint eigentlich ziemlich beständig die Sonne. An der ostfriesischen Nordseeküste ziehen aber immer drohender dunkle Wolken auf, je näher wir dem unmittelbar an der Leybucht gelegenen Sielort kommen. Wir haben uns im kleinen Garni-Privathotel „Krabbe von Greetsiel“ in der Inselstraße 3 einquartiert. Da hat Inhaberin Elisabeth Stroman („Wir sprechen unsere Gäste noch mit Namen an und haben noch richtige Zimmerschlüssel“) auf der Seite, auf der sie im Internet ihre liebevoll-maritim eingerichtete Herberge beschreibt, schon einmal über den Gruß der Friesen aufgeklärt, mit dem man sich hier in der Tat allerorten begrüßt, und zwar unabhängig von der Tageszeit. Mit Moin!

Das wär‘ doch gelacht: Vor der Küste geht es erst noch durchs Fehngebiet.

Gruß gilt der Einfachheit halber früh bis spät

Bei so manchem Binnenländer führe dies häufig zum Erstaunen oder zu Missverständnissen. „Man hält es nämlich für die plattdeutsche Variante des hochdeutschen ‚Guten Morgen‘ und ist ziemlich verwundert, wenn man damit auch am Abend bedacht wird.“ Aber den (ost-)friesischen Gruß einfach nur zu übersetzen, das sei verkehrt, heißt es. „Moin“ habe sich aus dem mit dem Niederländischen verwandten Friesisch entwickelt. Die Friesen pflegten einander einen schönen Tag zu wünschen, einen im Norden sogenannten „Moi’n Dag“. Der „Dag“ sei im Laufe der Zeit dann verschluckt worden. Was blieb, sei das „Moin“ gewesen. „Und weil man sich nicht nur einen schönen Tag wünschte, sondern auch einen schönen Morgen und einen schönen Abend, gilt der Gruß bis heute der Einfachheit halber von früh bis spät.“

Greetsiels Hafen ist in der Tat malerisch. Nicht jeder hat freilich gleich den Durchblick.

Wanderung zum Pilsumer Leuchtturm hinüber

Der Himmel über Greetsiel klart ohne größeren Regenguss überraschend schnell wieder auf. Die Bedienung im Teestübchen Dat Huuske direkt am Hafen sagt, so sei das „hier oben an der Küste, eben noch dunkle Wolken, kurz danach schon wieder Sonnenschein“. Wir müssen uns noch daran gewöhnen – und uns tags darauf auf der Deichwanderung hinüber zum Pilsumer Leuchtturm, einem der Wahrzeichen der Region, regelrecht gegen Regen, Wind und sogar Hagel stemmen, während unten im Marschland ein Deicharbeiter einsam Holzpfähle einschlägt. Der Turm ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts fertiggestellt worden. 28 Stufen führen zu ihm auf den Damm hinauf, von dem aus man gegenüber im Dunst die niederländische Küste erkennt. Der Turm selbst, ein Wahrzeichen mit gelb-roter Ringelsöckchen-Lackierung, in dem man sich auch trauen lassen kann, misst elf Meter Höhe. So richtig bekannt gemacht haben soll ihn laut Verwaltung der Ferienregion Krummhörn-Greetsiel aber der „wahrscheinlich bekannteste Ostfriese“, Otto Waalkes, der in der filmischen Komödie „Otto – Der Außerirdische“ aus dem Jahr 1989 als Hauptdarsteller in dem Turm gewohnt hat.

Seehund-Skulptur vor einem Lokal. Krabbenkutter an ihren Anlegern im Hafen.

Windvorhersage lässt gräflichen Ausflug leider ausfallen

Zurück im Hafen des Fischerdorfs. Er mutet genauso malerisch wie historisch an, ist mehr als 600 Jahre alt. Es gibt schmucke Giebelhäuser und idyllische Gassen, dazu gesunde Nordseeluft. Eigentlich hätte die „Graf Edzard I.“ an diesem Tag für zwei Stunden auslaufen sollen. Doch: „Aufgrund der Windvorhersage fällt die Fahrt heute leider aus“, ist der Fahrplan des Ausflugsschiffs kurzerhand mit entsprechendem Hinweis überklebt. Eigentlich hätte es durchs Schutzgebiet Leyhörn zur Schleuse Leysiel gehen sollen, die den tiden-, das heißt gezeitenunabhängigen Hafen von der offenen See trennt, Ebbe und Flut so draußen belässt. Mal sehen, ob der Wind morgen weniger heftig bläst.

Giebelhäuser, hier das Fischerhus, prägen den Ortskern. Schafe weiden am Deich.

Protest in seeromantischer Krabbenkutter-Idylle

Mit über 20 Krabbenkuttern soll in Greetsiel zuletzt immerhin noch Ostfrieslands größte Kutterflotte zu Hause gewesen sein. Der Hauptfang besteht aus Nordseekrabben, auch Granat genannt. Daneben gehen in kleineren Mengen Plattfische wie Scholle, Scharbe und Seezungen ins Netz. Alles eigentlich soweit in Ordnung. Und doch scheint die ostfriesisch- seeromantische Idylle im Moment gar nicht so idyllisch zu sein. Denn: „Es reicht“, steht auf einem Plakat im Hafen mit gleich drei Ausrufezeichen dahinter und rotem Stopp-Schild im meerblauen Wasser darunter. Die verbliebenen Fischer warnen: „Die EU & Umweltorganisationen sorgen für unseren Untergang!“ und „Die Nordsee wird zum Industriepark!“ Sie fordern: „Nachhaltige, traditionelle und zertifizierte Fischerei für Mensch & Natur erhalten! Keine Fischereiverbotszonen in der Nordsee!“ Nicht weit davon entfernt, nur ein paar Schritte am Deich etwas oberhalb der Schiffsanleger, schon eine ganze Reihe von Holzkreuzen. „Im Gedenken an die Krabben- und Muschelfischer aus Greetsiel.“

Ein Krabbenkutter unterwegs in der Leybucht. „Es reicht“-Protestplakat.

Von der Backsteinkirche bis zum Wattenmeer

Eine hübsche Häuserzeile nach niederländischen Vorbildern flankiert den Hafen. Doch auch wenn er das Ortsbild bestimmt, gibt es eine ganze Reihe von anderen Sehenswürdigkeiten, die sich etwa bei einem Rundgang lohnen, sie anzuschauen: Backstein-Saalkirche mit gotischen Spitzbogenfenstern und Cirksena-Steinhaus an der Hohen Straße zum Beispiel. Poppingas Alte Bäckerei an der Sielstraße. Das Hohe (Rentmeister-)Haus unweit der Kirche. Das Amtsmannshaus am Neuen Deich. Das Halemhaus mit Walmdach in der Mühlenstraße. Die Zwillingsmühlen dort, die rote aus 1706, die grüne aus 1856. Das Schöpfwerk. Das Alte Siel. Das Neue Siel. Oder das auf Buddelschiffe spezialisierte Museumshaus. Und in der Umgebung: Rysumer Mühle. Manningaburg in Pewsum. Ostfriesisches Landwirtschaftsmuseum in Campen. Dat Otto (Waalkes) Hus, Kunsthalle und Ostfriesisches Landesmuseum in Emden. Ostfriesisches Teemuseum und Museumseisenbahn Küstenbahn Ostfriesland in Norden. Seehundstation Norddeich. Moormuseum Moordorf. Oder, wieder ganz oben direkt an der Küste, der Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.         

„Im Gedenken an die Krabben- und Muschelfischer aus Greetsiel." Wahrzeichen Leuchtturm Pilsum.

Gänsen, Enten, Regenpfeifer, Schilfrohrsänger

Wir sind im Naturschutzgebiet Leyhörn unterwegs. Wer für sich so etwas wie (ost-)friesische Weite ermessen will, kann dies hier tun. Die Marschen sind entwässert, Äcker und Grünland entstanden. Es finden sich Salzwiesen und Wattflächen. Die Struktur der Landschaft ist offen ohne größere Gehölzbestände mit einzelnen Wasserzügen, Wasserflächen, Röhrichten und Deichen. Vogelinteressierte kommen in diesem schon aufgrund seiner geringen Siedlungsdichte relativ störungsarmen Gebiet auf ihre Kosten. Sie können Gänse, Enten und Watvögel beobachten, die in der Gegend rasten oder überwintern. Weißwangen-, Bläss- und Graugänse, die in der Leybucht und im Dollart im Mündungstrichter der Ems südlich der Seehafenstadt Emden ihre Schlafplätze haben und die Küste sowie den sich anschließenden Landstrich zugleich als Nahrungsraum nutzen. Ähnlich wie Alpenstrandläufer, Brachvogel und Goldregenpfeifer. Ähnlich wie Blaukelchen und Schilfrohrsänger, Wiesenvögel, die sich auch als Brutvögel im ostfriesischen Norden aufhalten.

Blick über das weitgehend entwässerte Marschland hinterm Deich bei Greetsiel.

„Dree is Oostfresenrecht“

Und schließlich wären da, auch oder nicht zuletzt in Greetsiel, nochmal die Ostfriesen selbst – und die Sache mit dem Tee, Stichwort „Dree is Oostfresenrecht“ („Drei ist Ostfriesenrecht“). In Ostfriesland könne man sicher sein, dass dreimal Tee nachgegossen werde, heißt es. Darauf könne man sich „nicht nur verlassen, sondern auch bestehen“. Jedenfalls scheint ebenfalls Hotelchefin Stroman dem Eintrag auf ihrer Internetseite zufolge die Ostriesen „unzweifelhaft“ für die „größten Teetrinker Deutschlands“ zu halten und das Teetrinken „immer noch mit einer Kulthandlung vergleichbar“. Im Schnitt verbraucht ein Ostfriese demnach sieben Pfund Tee pro Jahr. Da könnten ihm in Europa „höchstens noch die Iren das (Tee-)Wasser reichen“. Schätzungen zufolge soll sich ein Ostfriese in seinem Leben mit 300 000 Tassen Tee den Magen wärmen, was kein Wunder sei bei drei Tassen in jeder der vier Teepausen: Die erste früh am Morgen. Die zweite, das Elführtje, dann gegen 11 Uhr. Die dritte am Nachmittag. Die vierte schließlich am Abend.

Die Zwillingsmühlen auf Zaunlatten aufgemalt. Und wie wär’s jetzt mit einem Tee?

Mit knackenden Kluntjes

Und wie wird’s gemacht, zumal der sehr kräftige und dunkle Tee eigentlich nur mit Zucker und Sahne genießbar ist, weshalb auch Wasser eine wichtige Rolle spielt? Einheimische wie Elisabeth Stroman raten: Für jede Tasse einen echten Ostfriesentee in die vorgewärmte Kanne geben. Kochendes Wasser darüber gießen. Den Tee vier Minuten ziehen lassen. Kluntje in die Tasse geben, ein Stückchen Kandis, „das knacken sollte, wenn der heiße Tee eingegossen wird“. Mit dem gebogenen Sahnelöffel die Sahne zugeben. Werde das vorsichtig gemacht, sinke die Sahne zunächst nach unten und steige dann in Wölkchen wieder auf. „Niemals umrühren!“ Der Teelöffel diene nur als Hinweis, dass man keine weitere Tasse mehr möchte. Dazu werde der Löffel in die Tasse gelegt – „in die leere.“ So geiht dat! In Ostfriesland. Im Land, in dem noch viel Plattdeutsch gesprochen wird. Im Land hinterm Deich.

Das kleine Privathotel „Krabbe von Greetsiel“ ist mit maritimem Akzent eingerichtet. 

Info Greetsiel

Der an den Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer angrenzende Ortsteil der Gemeinde Krummhörn in der gleichnamigen Ferienregion zählte zuletzt rund 1500 Einwohner. Die Ortsbezeichnung soll sich zusammensetzen aus dem altdeutschen „Gred“ für Wiese und „Siel“ für Wasserdurchlass beziehungsweise Deichschleuse. Fischerei und Tourismus sind die wichtigsten Erwerbszweige. Zu den regelmäßigen Veranstaltungen gehören in der zweiten Hälfte des Monats Juli die Greetsieler Kunstausstellungswoche und der Kutterkorso Anfang August. Als Möglichkeit zur Einquartierung können wir das kleine Garni-Privathotel „Krabbe von Greetsiel“ (acht Doppelzimmer, stilvoll eingerichtet, persönliche Atmosphäre, Inselstraße 3, 26736 Krummhörn-Greetsiel, Telefon 04926-2196/92110, www.krabbe-von-greetsiel.de) empfehlen. Was Lokalitäten betrifft, sind dies unter anderem: Fischers Fründ (Am Markt 12), Fischerhus (https://fischerhus-greetsiel.eu), Grand-Café Greetsiel (Kalvarienweg 6), Hofcafé Akkens (www.akkens.de), Schoofs Mühlencafé (www.muehle-schoof.de) oder De Beer Greetsieler Krabben (www.debeer.de). Information: Tourist-Information Greetsiel, Zur Hauener Hooge 15, 26736 Krummhörn-Greetsiel, Telefon 04926-91880, www.greetsiel.de).

Ostfriesland, das sind Windmühlen, Leuchttürme, Meer - und „Moin“ selbst am Abend.

Info Ostfriesland

Die knapp über 3140 Quadratkilometer große, mit rund 470 000 Einwohnern relativ dünn besiedelte, eher ländlich von Landwirtschaft und Fischerei geprägte niedersächsische Region liegt im äußersten Nordwesten Deutschlands an der Küste der Nordsee. Sie umfasst neben dem Festland auch die sechs Inseln Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog und Spiekeroog. Wichtige Mittelstädte sind Emden, Aurich, Leer, Norden und Wittmund. Das Klima ist gemäßigt mit ganzjährigen Niederschlägen. Die Sommer sind warm, die Winter mild und feucht. Der Wind weht stärker und häufiger. Bei der regionalen Küche handelt es sich um eine meist bodenständige und zum Teil sehr deftige, an der Küste mehr fischige. Die Spezialitäten reichen vom Snirtiebraten über Updrögt-Bohnen-Eintopf, Buttermilchbrei, Grünkohl mit Pinkel und Kasseler, Grüner Heinrich aus Birnen, Bohnen und Speck sowie das Seemannsgericht Labskaus bis hin zur Ostfriesentorte. Ostfriesland ist nicht nur Tee-, sondern auch Bier- und Schnapsland. Information: Ostfriesland Tourismus GmbH, Ledastraße 10, 26789 Leer, Telefon 0491-91969660, www.ostfriesland.travel.

Fischgräten-Skulptur in Hafennähe. Nachdenken über die Zukunft der Fischer: Wie die wohl wird?

Service Anreise

Autobahnmäßig ist die Region, egal aus welcher Richtung, ob aus Osten, Süden oder aus Westen, eigentlich ziemlich gut angebunden, auf den letzten Teilstücken insbesondere über die A28, A29 und A31. Zu den Inseln gelangt man per Fähre. Auf ihnen herrscht striktes Autoverbot – außer auf Baltrum und Norderney. Bahnmäßig bestehen direkte Verbindungen etwa aus Berlin, Stuttgart, Köln, München und Würzburg. Der nächstgelegene internationale Flughafen ist Bremen.  

KoCom/Fotos: Günther Koch

2. Juli 2023