Deutschland ist schön: In Fritzlar / Dom und Kaiser / Aber Bonifatius hat heilige Eiche gefällt
Von Günther Koch

Vor dem Dom auf dem Domplatz: Bonifatius-Denkmal mit Kirchenmodell und Axt. Foto: Günther Koch
Fritzlar – Der Mann im langen Gewand muss es irgendwie eilig gehabt haben. Der Blick streng. Die Schritte, wie es scheint, forsch. In der einen Hand das Modell einer Kirche. In der anderen eine Axt. Was der Heilige wohl damit will?
„Apostel der Deutschen“
Wir stehen vor Bonifatius. Genauer gesagt: Auf dem Domplatz von Fritzlar vor dessen lebensgroßen Denkmal auf dem Stumpf einer Eiche. Bei dem Mann, der ursprünglich Winfri(e)d hieß, um 673 in England geboren worden und 754 in Friesland gewaltsam ums Leben gekommen ist, handelt es sich um einen angelsächsischen Mönch, Missionar und Kirchenreformer, der als „Apostel der Deutschen“ maßgeblich dazu beigetragen hat, das Christentum im Reich der Franken zu verbreiten und Kirche dort überhaupt erst zu organisieren. Sein Name, vom Papst vergeben: Bonifatius. „Der Gutes tut“ oder „Der Wohltäter“.
Vermeintliche Machtlosigkeit
Was den Glaubensboten wahrscheinlich noch bekannter macht, falls man überhaupt davon sprechen kann, ist, dass er um 723/724 wohl bei Geismar nahe dem heutigen Fritzlar auf einem germanischen Kultplatz eine dem Gott Donar geweihte Eiche fällt, um den aus seiner Sicht heidnischen Chatten deren vermeintliche Machtlosigkeit ihrer Götter zu beweisen. Und dabei sogar noch einen draufsetzt, indem er aus dem Holz der Eiche eine Kapelle zu Ehren des Apostels Petrus bauen lässt. In einem entsprechenden Bericht heißt es, er habe tatsächlich damit begonnen, die heilige Eiche zu fällen. Und weiter: Ein plötzlicher Windstoß habe den Baum der Länge nach in vier Teile gespalten. So zumindest die Überlieferung.
Auf päpstliche Order hin
Im Auftrag des Papstes gründet und ordnet Bonifatius damals Rom-treu verschiedene Bistümer. Später selber Erzbischof von Mainz, stirbt er über 80-jährig als Märtyrer. Noch heute findet sich sein Grab im Kloster Fulda.
Friedeslar, Ort des Friedens
Wobei wir wieder bei der Axt und der Kirche wären: Die eine erinnert an das Fällen der Eiche, die andere an den Kirchen- und Klosterbau, aus dem sich Fritzlar einst entwickelt hat. Nach den Vorläufer-Bauten ist er 1085 bis 1090 begonnen, mehrfach renoviert und umgebaut worden, aktuell 80 Meter lang, 30 Meter breit, über 50 Meter hoch, hat zwei Türme und acht Glocken. Was das imposante Gotteshaus so erstaunlich macht, ist, dass die Stadt Kirchenforschern zufolge eigentlich nie einen echten Bischofssitz gehabt hat, aber doch einen auch heute noch als solchen bezeichneten Dom. Die Stadt selbst – ihr Name leitet sich von „Friedeslar“ für „Ort des Friedens“ ab – ist jedoch im Mittelalter ein mächtiges geistliches Zentrum gewesen und kein Geringerer als Kaiser Karl der Große hat das damalige Vorläufer-Kloster 782 zur bedeutenden Reichsabtei erhoben.
„Ein machtvoller Konflikt“
Und wenn wir schon im Mittelalter sind: In Fritzlar sind tatsächlich deutsche Könige und Kaiser zu Gast gewesen, weshalb die Stadt inzwischen, amtlich besiegelt, die beiden Zusatzbezeichnungen für Dom- und Kaiserstadt tragen darf, was sich im Nachhinein wahrscheinlich positiv auf den guten Ruf und den Tourismus niederschlagen dürfte. Wichtige Herrscher, die an die Eder gekommen sind, sollen der in Fritzlar zum ersten deutschen König gewählte Heinrich I. gewesen sein, Kaiser Karl der Große, der den Grundstein für die Benediktinerabtei gelegt hat, dann Otto I., der Reichsversammlungen mehrfach in Fritzlar hat stattfinden lassen, und Heinrich IV., in Fritzlar als Verhandler mit einem Streit befasst, der als „machtvoller Konflikt im 11. und 12. Jahrhundert zwischen deutschen Königen (Kaisern) und Päpsten um das Recht zur Amtseinsetzung (Investitur) von Bischöfen und Äbten“ beschrieben wird. Insgesamt hätten deutsche Herrscher im Mittelalter „mehr als 20 Mal“ Hof in Fritzlar gehalten, heißt es. Immerhin.
Mittelalterlich gut erhalten
Szenenwechsel. Vor dem Hintergrund von Dom und Kaiser in Schwalm-Eder, Fachwerk, Geschichte(n), Kultur und Traditionen bummeln wir durch die malerische, gut erhaltene Alt- und Innenstadt. Mit Marktplatz samt Gildenhaus und Rolandsbrunnen. Mit Geschäften, Boutiquen, Cafés und Restaurants. Mit der Brüder-Grimm-Heimat Nordhessen. Mit der Deutschen Fachwerkstraße, der Deutschen Märchenstraße und dem Naturpark Kellerwald-Edersee. Wir gehen ein Stück die historische Stadtmauer entlang. 2,7 Kilometer lang. Mindestens 10 noch vorhandene Wehrtürme. Dazu noch 5 der ehemals 7, früher als Wachposten dienende Warten. Wer lokalgeschichtlich interessiert ist und zudem gern feiert, dürfte im Lauf des Jahres in Fritzlar und Umgebung auf seine Kosten kommen. Denn wie wäre es etwa mit Sauerbrunnen-, Weizenbier- und, natürlich, Kaiserfest, mit Pferde- und/oder Wochenmarkt, um nur diese von insgesamt fast 20 Veranstaltungen dieser Art zu nennen?
Bewaffnete stürmen das Lager
Zurück zu Bonifatius. Der Heilige, eigentlich ein wohlhabender Mönch und Gelehrter, später Schutzpatron von Deutschland, England und Thüringen sowie der Bierbrauer, Schneider und Feilenmacher, soll am 5. Juni 754 bei einer Missionsreise nahe Dokkum im heutigen niederländischen Friesland von einer Gruppe mit Schwertern und Hieben getötet worden sein. Es steht geschrieben, dass der Kirchenmann damals auf Neugetaufte zur Firmung wartet, als bewaffnete Männer das Lager stürmen. Wahrscheinlich hätten die Angreifer auf reiche Beute in den Reisekoffern des zwischenzeitlich zum Bischof Geweihten gehofft, wertvolle Schätze oder Gold darin vermutet. „Es handelte sich um einen Raubmord!“ Von den Räubern sollen neben Bonifatius auch seine rund 50 Begleiter erschlagen worden sein. Der Legende nach hat Bonifatius mit einem Buch einen tödlichen Hieb abwehren wollen, was den Einband demnach beschädigt hat und deshalb bis heute als Reliquie gezeigt wird. Das Buch soll übrigens mutmaßlich das Buch der Bücher gewesen sein. Die Bibel.
Info Fritzlar
Die Kleinstadt im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis zählte zuletzt rund 14 500 Einwohner. Ihre Entstehung geht auf eine Kirchen- und Klostergründung durch Bonifatius zurück. Von Pest, Kriegen und Hexenverfolgungen heimgesucht, gilt Fritzlar als Ort, an dem die Christianisierung Mittel- und Norddeutschlands sowie das mittelalterliche Deutsche Reich ihren Anfang nahmen. Neben der Kernstadt gibt es 10 Stadtteile. Nächstgrößere Städte sind Bad Wildungen und Kassel. Zum Edersee ist es nicht weit. Landwirtschaftlich wird vor allem Gemüse angebaut. Fruchtbare Ackerböden, meist bewaldete Basaltkuppen, mittelalterliche Burgen und Burgruinen prägen das Bild. Fritzlar ist Verwaltungs- und Dienstleistungszentrum, ebenfalls Garnisonsstandort. Das Rathaus von 1109 soll Deutschlands ältestes Amtshaus sein.
Info Ausflugsziele
Verschiedene Radfernwanderwege führen durch die Region. Als Ausflugsziele in der näheren Umgebung empfehlen sich etwa Burg und Kloster Büraberg, Steinzeitsiedlung und Donarquelle bei Geismar, Steinkammergrab und Schloss Garvensburg bei Züschen, Bad Wildungen mit Schloss Friedrichshain, Felsberg mit Felsburg, Heiligenberg bei Gensungen, Bergbaumuseum bei Borken, Schloss Waldeck.
Info Anreise
Von Westen über die A44, von Norden über die A7 kommend, fährt man in Kassel auf die A49 in Richtung Marburg bis zur Abfahrt Fritzlar. Von Osten kommend, verlässt man die A7 an der Abfahrt Homberg/Efze und fährt auf den Bundesstraßen B323, B254, B253 und 450 nach Fritzlar. Vom ICE-Bahnhof Kassel/Wilhelmshöhe gelangt man mit dem Express-Bus direkt bis zur Haltestelle Busbahnhof Fritzlar/Allee oder nutzt die Verbindung per Regionalbahn über Wabern. Mit Zügen aus Richtung Hannover oder Frankfurt/Main fährt man ebenfalls bis Wabern und gelangt von dort mit Bus, Bahn oder Taxi nach Fritzlar.
KoCom/Fotos: Günther Koch
28. August 2026

