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Noch ähnen g’trunk‘

by Günther Koch

La Moselle II: Der Wein / Lese immer früher / Anbau schon vor mehr als 2000 Jahren begonnen

Von Günther Koch

Die Trauben sind offenbar reif. Fotos: Günther Koch

Longuich – Schlagzeile in einer Tageszeitung. „Weinlese beginnt so früh wie noch nie – Trauben sind zwar klein, aber gesund und vielversprechend.“ Es ist Ende August/Anfang September. Für eine Reisereportagen-Reihe haben wir uns in Longuich an der Mittelmosel nicht weit von Trier in eines der kleinen Winzerhäuschen aus Schiefer einquartiert. Vom Hitzesommer 2026 ist auch im Familienweingut Longen-Schlöder die Rede. Der frühe Lesestart in diesem Jahr sei in allen Weinanbaugebieten der früheste überhaupt, zitiert die Zeitung das Deutsche Weininstitut im rheinhessischen Bodenheim.

Tor mit Weinornamentik im Longuicher Franziskus-Hof.

„Sicher vier Wochen früher“

Einige Winzer hätten sogar extra ihren Urlaub dafür abgebrochen. Selbst erste Trauben für Spitzenweine habe man bereits eingeholt. Im Vergleich zu vor 30 oder 40 Jahren sei die Lese aktuell „sicherlich vier Wochen früher“ mit der Folge einer schnelleren Lese allerdings und je nach Witterung zügigeren Reife fast aller Sorten zur gleichen Zeit. In den Trauben jedoch wolle man zu viel Zucker vermeiden, was wiederum laut Institut zu „eher kräftigeren Weinen“ führe. Wobei der Trend eigentlich genau in die andere Richtung gehe. Denn gefragt seien „eher leichtere Weine mit geringerem Alkoholgehalt“. Dass die Trauben immer noch gesund seien, lasse aromatische Weine erwarten. Die Winzer seien mit der Qualität der schon geernteten Trauben sehr zufrieden. Da die Trauben indes kleiner seien als sonst, werde der Ertrag aber wohl doch eher „unterdurchschnittlich ausfallen“, sagen die Experten voraus.

Die Weinberge in Steillagen sind typisch für die Mosel.

Schiefer schwarz, Kreide weiß

Oh, Mosella! Du hast ja soviel Wein! Trinkst Du den Wein allein? In Deinem Garten Eden wächst doch der Wein für jeden – und ohne Wein kann ich nicht sein. Oh, Mosella!“ Diese Ode an den Wein hat Karl Berbuer verfasst, geboren 1900, gestorben 1977, deutscher Komponist, Krätzchen-, Schlagersänger, „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, „Heidewitzka, Herr Kapitän“. Nachzulesen ist sie im Weingut Longen-Schlöder, das sich als WeinKulturGut versteht. Aufgeschrieben ist sie mit weißer Kreide auf schwarzem Schiefer.

Sonniger Außenputz am Franziskus-Hof in Longuich.

Professor der Beredsamkeit

Ja, die Römer. Sie haben mehr als 2000 Jahre Weinbau an der Mosel begründet. Es soll Ausonius gewesen sein, der – um 310 geboren, 393/394 gestorben, römischer Beamter, Konsul, Dichter und als (Rhetorik-)Professor der Beredsamkeit an den kaiserlichen Hof nach Trier berufen – in seiner um 370 nach Christus entstandenen „Mosella“ schon von umfangreichen Rebflächen im Moseltal berichtet hat. Bei der „Mosella“ aus dem literarischen Ausonius-Nachlass handelt es sich übrigens um ein größeres, selbständiges Gedicht, das „von der Mosel mit ihren Nebenflüssen“ kündet, „den sie umgebenden Bergen, der Schönheit ihrer Landschaft, der Güte ihres Weines und ihrer Bewohner“.

Hinüber zur Alten Burg mit eben Weinschenke und Burgkeller.

Aus dem 3. bis 5. Jahrhundert

Aus einer Geschichtstafel aus Longuich über die Römische Weinstraße und den Römischen Weinanbau dort geht hervor: Seit 1977 hätten, meist am Fuß steiler Süd(west)hänge in unmittelbarer Nähe zur Mosel, elf Kelteranlagen aus der Zeit des 3. bis 5. Jahrhunderts nach Christus nachgewiesen werden können. Alle Kelterhäuser wiesen demnach je ein Maische-, Press- und Mostbecken auf. In den Maischebecken sei das Lesegut gesammelt und mit den Füßen zertreten worden. Nach dem Maischen habe der angefallene Most in ein Mostbecken abgelassen und der zurückgebliebene Traubenrest in einen Presskorb umgesetzt werden können. Zudem sei eine Baumkelter mit schwebendem Gewicht installiert worden. Mit Hilfe eines bis zu 25 Zentner schweren, an einer Spindel aufgehängten Gewichtsteins habe man den restlichen Most ausgepresst.

Ob der geflügelte rote Drachen die roten Trauben beschützt?

Schutzgott römischer Winzer

Schon damals habe der Weißwein dominiert. Die aufgefundenen Traubenkerne hätten einer Übergangsform zwischen Wild- und Kulturrebe angehört. Kerne von Schwarzem Holunder oder Kirschen hätten auch an die Verarbeitung von Rotwein denken lassen. Außerdem hätten Rauchkammern zum vorzeitigen Altern der Weine beigetragen. Und zwei längliche Bilder sind auf der Tafel zu sehen. Das obere zeigt eine achterförmig aufgebundene Rebe auf dem Grabmal eines römischen Generals aus dem 3. Jahrhundert. Das untere stellt Sucellus dar. Das Relief aus Kinheim fasst Fässer, Schlegel, Traube und eben diese gallo-römische Gottheit zusammen, den Schutzgott der römischen Moselwinzer, sozusagen der „Produzenten“. Bacchus hingegen sei Schutzgott der „Konsumenten“ gewesen.

Der Vinothek-Ausleger passt zum Ambiente der Alten Burg.

Spitze bei größten Steillagen

Und wie sieht’s in aller Kürze mit der Mosel und dem Wein heute aus? Anbaugebiet für Qualitätswein – zuletzt 8664 Hektar. Drittgrößte Anbaufläche für Riesling in Deutschland – zuletzt 5266 Hektar. Weltweit größtes Steillagen-Weinanbaugebiet. Bremmer Calmont einer der steilsten Weinberge mit 65 Grad Hangneigung. Anbau von Riesling mit deutlichem Abstand vorn vor Müller-Thurgau und Elbling, alle weiß, und rotem Spätburgunder. Moselweine oft eher fruchtig, süß und von geringerem Alkoholgehalt. Hinzu kommen Grand Cru und sogenannte Erstlagen. Zuletzt 19 Groß-, 520 Einzellagen. Böden unterschiedlich vor allem aus Schiefer und aus Muschelkalk. Bekanntere Weinstädte etwa von Bernkastel-Kues über Cochem, Konz, Schweich, Traben-Trabach und Trier bis Zell. Größte Weinorte nach Rebfläche etwa von Piesport bis Trittenheim.

Flasche für Flasche für edle Tropfen – wenn nicht an der Mosel, wo dann?       

Soll der Winzer fröhlich sein

Zurück zur Lobeshymne der Mosel(l)aner auf bloßer Schiefertafel. „Ma han‘ imma noch ähnen g’trunk‘“ („Wir haben immer noch einen getrunken“), heißt es da im Dialekt bei Annette und Nikolaus Köwerich. Und: „Soll der Winzer fröhlich sein, tritt Allerheiligen im Sommer ein“, so das Winzerpaar. Oder, egal ob mit oder ohne Wein: „Wer mit dem Strom schwimmt, kommt nie an die Quelle“, gibt Präsident Marc Weyer vom luxemburgischen Winzerverband sicher kein Geheimnis preis. Und was die Weinvorhersage betrifft? Schlagzeile: Aussichten zumindest für neuen Jahrgang 2027 offenbar doch gar nicht so schlecht …

(Die nachfolgenden Informations- und Serviceabsätze finden sich mehr oder wenig identisch jeweils am Ende unserer Moselgeschichten. Die über „Winzers Häuschen“ unter „Hotels dieser Welt“ sowie über Fluss und Wein unter „Reise“ sind ebenfalls schon online. Die danach über Römer, Trier und Longuich folgen noch)

Info Mosel I

Französisch Moselle. Lateinischer Name Mosella. Bedeutet „Kleine Maas“. Mit 544 Kilometern sechstgrößter Fluss in Deutschland. 313 Kilometer in Frankeich. 231 in Deutschland. Ober-, Mittel-, Untermosel. Quelle in Vogesen. Mündung bei Koblenz in den Mittelrhein. Grenze zwischen Deutschland und Luxemburg. Stark mäandernder Verlauf. Am Ufer teils sehr steile Weinberghänge. Großstädte Metz, Trier, Koblenz. 4,3 Millionen Einwohner im Einzugsgebiet. Zu Großschifffahrtsstraße mit 28 Staustufen ausgebaut. Häfen, Brücken, Fähren. Weinbau. Besonders Riesling. Tourismus. Burgen, Schlösser, Ruinen. Dazu Moselweinstraße, Moselradweg, Moselsteig, Teil des Jakobswegs. Information: Moselland-Tourismus, Kordelweg 1, 54470 Bernkastell-Kues, 0049-(0)-6531-97330, www.visitmosel.de.  

Info Mosel II

Unterbringung in Winzerhäuschen. Gesunde ehrliche Küche. Hausmannskost mit saisonalen Gerichten. Regional eher bodenständig-herzhaft und deftiger. Zum Beispiel: Stampfgericht Kappes Teerdich. Kartoffelauflauf Dippelappes/Schales. Eingelegtes Tresterfleisch. Moselfisch wie Zander oder Forelle Wein: Heimischer Riesling. Sonst weißer Burgunder, Chardonnay, Sauvignon Blanc, Blauer Spätburgunder, Cabernet Sauvignon, Domina, Merlot oder herber Viez-Apfelwein. Das Weingut selbst bewirtschaftet fünfeinhalb Hektar Rebland, setzt vor allem etwa auf harmonisch-trockene Weine aus den Reben der Steillagen sowie auf modernere Tropfen.

Info Mosel III

Auch ohne Wellness und Spa: An vier Tagen haben wir unter anderem kleinere Weinorte wie Longuich erkundet, uns in der römischen (Bade-)Villa Urbana umgeschaut, die in Teilen an der Römischen Weinstraße in Longuich ausgegraben und rekonstruiert worden ist, sind mit dem Bus nach Trier in Deutschlands älteste Stadt gefahren, auf dem Zuweg zum Moselsteig gewandert und haben uns in Lagen gewagt, deren Hangneigungen oft über 30, sogar bis zu 60 Prozent und mehr betragen. Savoir-Vivre-Ausflüge in die Umgebung bieten sich ins Saarland, nach Luxemburg oder Frankreich an. Für Wohnmobilisten sind eigene Stellplätze da.

Preise/Anreise

Seine Winzerhäuschen (und Wohneinheiten) bietet das Longuicher Weingut Longen-Schlöder in drei Kategorien noch bis Dezember für die Saison 2026 zu Einzel-/Doppelzimmerpreisen jeweils mit Frühstück ab 105/155 über 130/190 bis 135/210 Euro an. Wir haben für vier Übernachtungen für zwei Personen samt Frühstück und Frühstücksgetränken 760 Euro bezahlt. Mit dem Auto reist man am besten über Koblenz oder Mainz an. Koblenz, Mainz und Trier sind Bahnknoten. Als nächstgelegene Flughäfen kommen Luxemburg/Finthen (etwa 35 Kilometer), Frankfurt/Hahn (etwa 50 Kilometer), Köln/Bonn (etwa 130 Kilometer) und Frankfurt/Main (etwa 160 Kilometer) infrage. Information: WeinKulturgut Longen-Schlöder, Kirchenweg 9, 54340 Longuich-Kirsch, Telefon: 0049-(0)-6502-8345, www.longen-schloeder.de.

KoCom/Fotos: Günther Koch

14. September 2026

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