La Moselle (VI/Schluss): Hexenverfolgung / Geschichtswürfel sorgen für Transparenz / Gegen den Wahn
Von Günther Koch

Hexentanzplatz*. Fotos: Günther Koch
Longuich – Eigentlich sollte unsere Moselserie „La Moselle“ mit Folge fünf gerade beendet gewesen sein. Wenn nach Fluss, Wein, Römer, Trier und Longuich da nicht auch die „Geschehnisse rund um Longuich-Kirsch“ wären, veranschaulicht im Ortskern des Wein- und Ferienortes an der Mittelmosel auf mehreren pfiffig drehbaren, Geschichte transparent machenden, bunten Informationswürfeln, weswegen wir in unserer Serie gleich noch eine weitere Folge aufgelegt haben. Ein Hinweis zuvor noch zu unserem Aufmacherfoto*: Dabei handelt es sich um einen Kupferstich mit dem Titel „Trierer Hexentanzplatz“ von Thomas Sigfridus, Erfurt, aus dem Jahr 1594.
Drei massive Wellen
Ende des 16. Jahrhunderts von 1586 bis 1596. Die erste von drei massiven, flächendeckenden Phasen der Hexenverfolgung im Heiligen Römischen Reich findet statt. Es kommt in diesem Jahrzehnt laut verschiedener Quellen im Zuge extremer Klimakrisen („Kleine Eiszeit“), Missernten und sozialer Spannungen zu einer dramatischen Radikalisierung der Hexenprozesse. Tausende werden hingerichtet. Die Welle trifft vor allem geistliche katholische Territorien und Reichsabteien im Westen und Südwesten „mit voller Härte“.
„Besonders akribisch“
Als regionale Schwerpunkte gelten das Kurfürstentum Trier als „Epizentrum der Katastrophe“ und neben der Reichsabtei Marchtal im süddeutschen Raum die eher kleine, nahe Trier gelegene Herrschaft Maximin, in der die Verfolgung „besonders akribisch“ gewütet haben soll. Für das Erzbistum werden demnach 700 bis 800 Todesopfer genannt, für die Reichsabtei Maximin in zehn Jahren etwa 400. Hier kooperierten dörfliche Hexenausschüsse und die Obrigkeit „fatal effizient“. Wetter, Hunger, Dynamik von unten, Macht-, Vermögensinteressen und Widerstand gegen den Wahn werden als „zentrale Ursachen der Eskalation“ gesehen.
Regelmäßig der Tod
Und Longuich und Kirsch? In der ersten Verfolgungswelle sind laut dem nach einem Amtmann benannten Musielregister etwa 80 Personen angeklagt und hingerichtet worden, was immerhin einem Drittel der damals in beiden Orten lebenden Menschen entspricht. Es wird berichtet, dass dem Amtmann während eines Prozesses einmal 14 Schöffen und 14 Geschworene zur Seite standen. Geständnisse würden in diesem dunklen Kapitel der Geschichte wiederholt durch schwere Folter erzwungen, danach auf der Burg im benachbarten Fell regelmäßig Urteile gesprochen wie Tod durch Verbrennen, mutmaßlich auf dem Scheiterhaufen. Als „Gnadenerweis“ habe dabei die Strangulierung vorher gegolten. Prozesskosten hätten Beschuldigte und deren Familien tragen müssen. „Nachweislich bereicherten sich Ankläger und Amtsleute daran“, heißt es. Ein Foto des Schrecksteins auf dem Galgenberg bei Fell, heute Goldberg, illustriert auf dem Informationswürfel das Geschehen.
Das gleiche Schicksal
Es sei auffallend, dass in Longuich und Kirsch oft gutgestellte Personen und deren Gesinde der Hexerei beschuldigt und hingerichtet worden seien. „Pfarrern und Küstern drohte jedenfalls das gleiche Schicksal.“ So habe sich etwa der Longuicher Pastor nur durch Flucht dem Prozess entziehen können. Weniger Glück hätten seine Amtskollegen aus Mehring und Fell gehabt. Sie seien „ihrer Ämter enthoben“ worden „und endeten im Feuer“. Auch eine Adlige, das Longuicher Eulchen aus der Alten Burg, sei der Hexerei bezichtigt gewesen. Im Musielregister finde sich hinter ihrem Namen bloß der Vermerk „tot“. Als sicher gelte, dass man den damaligen adligen Trierer Domprobst, Besitzer des Longuicher Cratzenhofs, ebenfalls mehrfach der Hexerei beschuldigt habe, es aber nie zu einer Anklage gekommen sei. Angenommen wird, seine hohe Stellung habe dies verhindert.
Übergang vom Mittelalter
Zauber- und Magieglauben sollen übrigens schon vor der Zeit der Hexenverfolgung bestanden haben und negativ besetzt gewesen sein am Übergang des Mittelalters zur Neuzeit. Die Lebensbedingungen hart. Die Kälte extrem. Die Witterung feucht. Dazu Seuchen und Kriege. All dies habe zu Missernten geführt sowie Elend und Not, auch so schon vorhanden, nur noch vergrößert. Die Schuld habe man daher bei den „Hexen“ gesucht. Unterstützt durch die Verbreitung passender Publikationen wie der „Hexenbulle“ (1484) und des „Hexenhammers“ (1486) sei zudem eine immer stärkere Hexenfurcht heraufbeschworen worden. So habe etwa Papst Innozenz VIII. in der ersten Veröffentlichung sämtliche Untaten und Verbrechen von Hexen aufgelistet.
(Die ausgewählten „La Moselle“-Serienteile unter „Reise“ sind die über Fluss, Wein, Römer, Trier, Longuich und Hexenverfolgung. Hinzu kommt „Winzers Häuschen“ unter „Hotels dieser Welt“. Die nachfolgenden Informations- und Serviceabsätze finden sich mehr oder wenig identisch jeweils am Ende unserer Moselgeschichten)
Info Mosel I
Französisch Moselle. Lateinisch Mosella. Bedeutet „Kleine Maas“. Mit 544 Kilometern sechstgrößter Fluss in Deutschland. 313 Kilometer in Frankeich. 231 in Deutschland. Ober-, Mittel-, Untermosel. Quelle in Vogesen. Mündung bei Koblenz in den Mittelrhein. Grenze zwischen Deutschland und Luxemburg. Stark mäandernder Verlauf. Ziemlich steile Weinberghänge. Großstädte Metz, Trier, Koblenz. 4,3 Millionen Einwohner im Einzugsgebiet. Großschifffahrtsstraße mit 28 Staustufen. Häfen, Brücken, Fähren. Weinbau. Besonders Riesling. Tourismus. Burgen, Schlösser, Ruinen. Moselweinstraße, Moselradweg, Moselsteig, Teil Jakobsweg. Information: Moselland-Tourismus, Kordelweg 1, 54470 Bernkastell-Kues, 0049-(0)-6531-97330, www.visitmosel.de.
Info Mosel II
Unterbringung in Winzerhäuschen. Gesunde ehrliche Küche. Hausmannskost mit saisonalen Gerichten. Regional eher bodenständig-herzhaft und deftiger. Zum Beispiel: Stampfgericht Kappes Teerdich. Kartoffelauflauf Dippelappes/Schales. Eingelegtes Tresterfleisch. Moselfisch wie Zander oder Forelle. Wein: Heimischer Riesling. Sonst weißer Burgunder, Chardonnay, Sauvignon Blanc, Blauer Spätburgunder, Cabernet Sauvignon, Domina, Merlot oder herber Viez-Apfelwein. Das Weingut Longen-Schlöder bewirtschaftet fünfeinhalb Hektar Rebland, setzt vor allem etwa auf harmonisch-trockene Weine aus den Steillagen sowie auf modernere Tropfen.
Info Mosel III
Auch ohne Wellness und Spa: An vier Tagen haben wir unter anderem kleinere Weinorte wie Longuich erkundet, uns in der römischen (Bade-)Villa Urbana umgeschaut, die in Teilen an der Römischen Weinstraße in Longuich ausgegraben und rekonstruiert worden ist, sind mit dem Bus nach Trier in Deutschlands älteste Stadt gefahren, auf dem Zuweg zum Moselsteig gewandert und haben uns in Lagen gewagt, deren Hangneigungen oft über 30, sogar bis zu 60 Prozent und mehr betragen. Savoir-Vivre-Ausflüge in die Umgebung bieten sich ins Saarland, nach Luxemburg oder Frankreich an. Für Wohnmobilisten sind eigene Longen-Schlöder-Stellplätze da.
Preise/Anreise
Seine Winzerhäuschen bietet das Longuicher Weingut in drei Kategorien noch bis Dezember für die Saison 2026 zu Einzel-/Doppelzimmerpreisen jeweils mit Frühstück ab 105/155 über 130/190 bis 135/210 Euro an. Wir haben für vier Übernachtungen für zwei Personen samt Frühstück und Frühstücksgetränken 760 Euro bezahlt. Mit dem Auto reist man am besten über Koblenz oder Mainz an. Koblenz, Mainz und Trier sind Bahnknoten. Als nächstgelegene Flughäfen kommen Luxemburg/Finthen (etwa 35 Kilometer), Frankfurt/Hahn (etwa 50 Kilometer), Köln/Bonn (etwa 130 Kilometer) und Frankfurt/Main (etwa 160 Kilometer) infrage. Information: WeinKulturgut Longen-Schlöder, Kirchenweg 9, 54340 Longuich-Kirsch, Telefon: 0049-(0)-6502-8345, www.longen-schloeder.de.
KoCom/Fotos: Günther Koch
20. Oktober 2026

