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Gute Reise!

"Eine Dame lebt in Venedig, / die ist mit achtzig noch ledig. / Sie beklagt sich nicht, / sie lächelt und spricht: / „Vielleicht war das Schicksal mir gnädig.“

Die Limericks, die Sie an dieser Stelle immer lesen, stammen alle von Ole Haldrup. Sein „Buch der Limericks“ (2003), dazu „Lirum, Larum, Limerick“ (2004) und „Das Geheimnis der fünften Zeile" (2007) sind zu beziehen über: Nereus-Verlag, Susanne Happle, Johann-von-Werth-Straße 6, 79100 Freiburg, Telefon 0761-403802, nereus-verlag @gmx.de. (gk)

La dolce Wetter

Ein Italiener in der Provinz / Vom Comer See an die Wetschaft / Die Geschichte einer Auswanderung

Von Günther Koch/Life-Magazin

Davide Pellolio (mit hellem Hut) spielt hier mit dem italienischen Klischee des "Godfather"-Paten. Fotos: Koch/Pellolio

Torno/Wetter – Eine Mail aus dem Urlaub in Italien: „A dire la verità mi sono dimenticato”, entschuldigt sich Davide. Um ehrlich zu sein, habe er es schlicht vergessen. Das Foto, das er eigentlich noch besorgen wollte und das ihn in einem Musical des Vereins Turmwerkstatt Amönau, einem Ortsteil der mittelhessischen Kleinstadt Wetter bei Marburg, als Fährmann zeigt. „Als Gondoliere.“ Wir sollten diese Geschichte dann einfach ohne machen. „Facciamo senza, ciao!“

Der Comer See verzweigt sich nach Süden hin in zwei Arme. Davide Pellolio mit Ehefrau Carola.

Über Zwischenstation Marburg

Davide Pellolio, Jahrgang 1959, aus Torno am Comer See in der Lombardei im Norden von Italien, ist Besitzer des italienischen Lokals „La dolce Vita“ in Wetter. Ob es etwas gibt, das ihm an seiner neuen Heimat, in die er 1988 über die Zwischenstation Marburg gekommen ist, besonders gefällt: „Alora“, sagt Davide, „vielleicht das beschaulichere Leben in der Provinz, vor allem aber die Leute hier!“ Kein Wunder, dass er, der Italiener, schon in der ersten Corona-Welle 2020 auf Facebook gepostet hat, was er in Situationen wie diesen so schmerzlich vermisst: „Den Kontakt zu den Menschen!“

Bei der Hochzeit von Vater Carlo und Mutter Maria. Torno liegt am linken unteren Arm des Sees.

„Eigentlich wollte ich Sprachen lernen“

Bis Torno, der 1150 Einwohner zählenden Gemeinde an einem der unterhalb des Hauptgewässers sich verzweigenden beiden Arme des Comer Sees, von den Comonesi liebevoll Lario genannt, sind es von Wetter aus durch die Schweiz an Basel, Bellinzona und Lugano vorbei etwa 725 Kilometer. Eine Strecke, für die man mit dem Auto mindestens acht Stunden einplanen sollte. Immer Richtung Süden. Auch wenn Davide nach der Hotelfachschule damals im Gran Bretagna schon 1975 als 16-Jähriger von zu Hause fortgegangen ist („Eigentlich wollte ich Sprachen lernen“), ist ihm Torno mit der Gegend am See, den Hügel und den Bergen dahinter noch immer sehr vertraut. Da sind die Nachbargemeinden Blevio, Carate Uri, das sechs Kilometer entfernte Como, Faggeto Lario, Moltrasio und Tacernerio. Die Villen Pliniana und Plinianina, benannt nach Plinius, dem Älteren, dem Onkel, und Plinius, dem Jüngeren, dem Neffen. Der eine ein römischer Gelehrter und Naturforscher, der andere ein römischer Senator und Schriftsteller. Auch der Name von Graf Alessandro Giuseppe Antonio Anastasio von Volta aus Como ist eng mit dieser Region verbunden: Der Physiker gilt als Erfinder der elektrischen Batterie.

Gemälde der Kirche Santa Tecla in Torno. Vater Carlo (Zweiter von links) bei einer Bewerbung als Filmkomparse.

Schon früher haben sich Tornesi auf den Weg gemacht

Bilder tauchen auf. Vom großen Marmorportal der Pfarrkirche Santa Tecla. Von Fresken, die das Gotteshaus San Giovanni Battista del Chiodo innen schmücken. Von Gläubigen, die zur Wallfahrtskirche Santa Elisabetta im Ortsteil Montepiatto pilgern. Von der antiken Siedlung der Etrusker. Von Steingräbern und seltsamen Bruchsteinen, die nicht dort liegen, wo Geologen sie eigentlich erwarten würden. Dann die Menschen. Tuchhändler und Seidenweber haben über Jahrhunderte in Torno gelebt. Heute arbeiten die Tornesi in Como, sind in der Finanz-, Mode- und Designmetropole Mailand tätig, der Hauptstadt der Lombardei. Die, die im 19. Jahrhundert schon viel früher aus Torno in die Welt ausgewandert sind, sind die Grasselli, die Maggi, die Sala, die Ruspinio gewesen. Oder eben, ein Jahrhundert später, die beiden Pellolio-Brüder.

Zwei alte Werbeplakate vom Comer See, rechts noch mit einem der weißen Ausflugsdampfer.

Das „Eckchen“ am Eckchen als erstes eigenes Lokal

Was ihn, den ältesten Sohn eines Dorfpolizisten und einer Hausfrau, zusammen mit Bruder Arturo, Jahrgang 1962, veranlasst hat, auszuwandern? „Es ist die Situation gewesen“, sagt Davide auf Deutsch, das er sehr gut kann. „Wir waren jung, wollten Geld verdienen.“ Außerdem hätten damals viele seiner Landsleute geschwärmt, wie toll Germania sei. Und heute? „Hat sich das Bild vielleicht doch etwas gewandelt, fällt einem auch in Deutschland nicht alles einfach so in den Schoß, musst du genauso hart arbeiten, die meisten jedenfalls, um über die Runden zu kommen.“ Und warum anfangs Marburg? „Weil zwei Cousins da schon ein Restaurant hatten, das ‚Hubertus‘ nicht weit von der Elisabethkirche.“ Und Wetter? „Um endlich mein erstes eigenes Lokal, das ‚Eckchen‘ am Eckchen, zu übernehmen.“ Deshalb. Ecco.

Der See bei Como heute. Davide zusammen mit Bruder Arturo an dessen Mercedes Ponton 220S, Baujahr 1959.

Mit dem Zug in die neue Heimat

Ob er sich noch an den Tag erinnert, an dem er seine Heimat verlassen hat? „Certamente“, sagt Davide. Natürlich. Die Fahrt mit dem Zug nach Marburg habe zwölf Stunden gedauert „Meine Mutter hat mir 20 000 Lire, umgerechnet damals etwa 20 Mark, mitgegeben, der Vater sagte, ich soll anständig bleiben.“ Ob er die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, nochmal so treffen würde? „Mir hätte doch gar nichts Besseres passieren können, ich bin mein eigener Herr.“  

Der schmunzelnde "Pate" und der mit Zigarre. Como und der See sind beliebte Touristenziele.

Oft verklärt in der Rückschau

Was die zwischenzeitlichen Veränderungen in Torno und Wetter betrifft, sei es mit dem einen Ort wie mit dem anderen. „Die Zeit bleibt nirgends stehen, geht immer weiter, bringt Neues mit sich, Gutes und Schlechtes.“ In der Rückschau verkläre sich selbstverständlich manches, stelle sich möglicherweise positiver dar, als es in Wirklichkeit gewesen sei. „Ich bin jedenfalls genauso gern in Torno wie in Wetter“, mag es Davide, mit Freunden und Bekannten zusammen zu sein und dies nicht einfach nur so sagt. Der 2015 in Torno auch mit Gästen aus Wetter die Hochzeit mit seiner aus dem Stadtteil Warzenbach stammenden Frau Carola gefeiert hat. Der 2006 in Amönau schon im Musical „Ciella“ dabei war, 2013 bei „Mad Night“, 2016 bei „Rapunzel“ und 2019 als über den Treisbach schippernder Fährmann im „Froschkönig“. Dessen Tochter Stefania mit dem Bacco’s in Wetter inzwischen selbst ein Restaurant eröffnet hat. Dessen Söhne Dennis und Marco genauso wie Bruder Arturo da sind, wenn sie gebraucht werden. Der überhaupt am Gänseberg unterhalb der Stiftskirche, wo er mit Carola und den Katzen Gino, Gina und Giùdi wohnt, fest in sich zu ruhen scheint. Was kein Wunder ist.

Klar, Italien ist auch in Como schon Orangen- und Zitronen- beziehungsweise Limoncello-Land.

„Ich bin schließlich Italiener“

Denn Davide Pellolio hat sich ein Stück Zuhause bewahrt, ein Stück Italien, als er gastronomiemäßig 1998 in Wetter vom „Eckchen“ am Römerplatz in der Innenstadt noch etwas näher an die Wetschaft gewechselt ist. Und sein neues Pizzeria-Ristorante statt „La dolce Wetter“ („Süßes Wetter“) doch lieber „La dolce Vita“ („Süßes Leben“) genannt hat. Wohl auch oder vor allem in Erinnerung an den gleichnamigen Schwarzweiß-Film von Federico Fellini aus dem Jahr 1960 unter anderem mit Marcello Mastroianni und Anita Ekberg in den Hauptrollen. „Ich bin schließlich Italiener!“

Die Jugend geht natürlich auch im Norden Italiens mit der Mode. Detail an der Kathedrale von Como.

Info Wetter

Die mittelhessische Kleinstadt ist mit ihren 1971 und 1974 im Rahmen der Gebietsreform eingegliederten neun Stadtteilen und den rund 9000 Einwohnern der größte Ort im Wetschaftstal, liegt etwa auf halbem Weg zwischen Marburg im Süden und Frankenberg im Norden. Was die touristischen Unterbringungsmöglichkeiten betrifft, sind diese eher in Form von Ferienwohnungen vorhanden. In Wetter selbst bietet das Gasthaus „Zum alten Fritz“, früher eine Weinstube, Gästezimmer an. Als Restaurant in der Kernstadt können wir neben dem „La dolce Vita“ (www.ladolcevita-wetter.de) noch das Bacco’s (www.baccos-wetter.de) empfehlen. Gleich neben dem Hallenbad ist inzwischen ein technisch entsprechend ausgerüsteter Stellplatz für Reisemobile vorhanden, so dass Wetter durchaus auch als Ausgangspunkt für Ausflüge in die Region etwa nach Marburg, in den Burgwald, auf den Christenberg, nach Frankenberg, an den Edersee oder weiter nach Korbach dienen könnte. Internet-Information Stadt Wetter: www.wetter-hessen.de.

Enge Altstadt-Gasse in Como. Und natürlich darf ein "La dolce Vita"-Filmplakat nicht fehlen.

Service Auto

Wetter ist über die Bundesstraßen 3, 62 und 252 angebunden. Bis nach Marburg oder Frankenberg sind es jeweils rund 20, bis an den Edersee etwa 45, bis nach Korbach über 50 Kilometer. Für die mehr als 90 Kilometer nach Kassel sollte man etwas weniger als anderthalb Stunde einplanen. Die gut 100 Kilometer nach Frankfurt/Main müssten, weil es länger über Autobahn geht, in etwas mehr als einer Stunde zu schaffen sein. Von Marburg im Süden wie auch von Frankenberg im Norden bestehen regelmäßige Bus- und Bahnverbindungen nach Wetter. Der nächstgrößere Flughafen ist Frankfurt/Main.

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KoCom/Fotos: Günther Koch/Davide Pellolio

6. August 2021